Donnerstag, 16. Mai 2013

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Autor = Anonym
 


Die Dunkelheit brach herein. Ein bläulich, grauer Schleier legte sich auf die Bäume, die Erde, die Menschen, den einen Menschen, der noch nicht im sicheren Zuhause saß.
Zu Hause sein, noch ehe die Dunkelheit hereinbrach.
Ein Befehl, ein Gesetz, welches nicht ausgesprochen wurde, unnötig war jedes erklärende, erinnernde Wort, da ihm jeder folgte. Es war gleich, wer es erlassen hatte, oder wie sinnvoll es war. Folgegeleistet wurde ihm zur Abwehr der Konsequenzen, aus Angst vor dem, was niemand sehen oder wissen wollte.
Eve folgte dem Pakt gegen die Dunkelheit, wie sie dem Weg nach Hause folgte. Nicht weil sie es verstand, nicht weil sie sich der allgemeinen Angst beugte. Sie beugte sich nur der Angst und Strenge ihrer Mutter. Bloß war sie dieses Mal unaufmerksam gewesen. Eine kurze Weile nur und schon hatte sich der Abend herangeschlichen, vertrieb mit schnellen Schritten den Tag.
Es würde Ärger geben, ihre Mutter würde sie bestrafen.
Wer in der Dunkelheit noch herumirrte, trug die Konsequenzen, auch wenn es nur die von Menschen erschaffenen waren.
Das Dorf schien ausgestorben. Eve rannte die matschige Straße entlang, achtete nicht auf die Geräusche hinter den verschlossenen Türen, das laute Bemühen, die Dunkelheit auszusperren.
Vereinzelt flackerte etwas Licht durch die Fenster. Eigentlich war es noch zu hell, um Kerzen anzuzünden, doch in dunklen Zeiten brauchten die Menschen Licht.
Wenn sie um Hilfe rief, würde jemand aus seinem Haus eilen?
Hätten die Menschen den Mut, ihre Türen wieder freizulegen?
Würden sie sich der Dunkelheit stellen, um einer der Ihren zu helfen?
Oder würden sie verängstigt auf die Rufe horchen, beten für die arme Seele in Not, jedoch dankbar dafür, verschont worden zu sein?
Welch schreckliche Gedanken, die Eve durch den Kopf gingen und alles noch ein bisschen dunkler machten. Die grauen Schleier tanzten nicht mehr nur um sie herum, griffen nach ihr, gleich dem Erlkönig, sie waren in sie eingedrungen und machten ihre Seele schwermütig. Eve bemühte sich schneller zu laufen, schneller als die furchtbaren Gefühle und Gedanken in ihr aufsteigen konnten.
Außer Atem, den Saum ihres Rocks voller Schlamm, klopfte sie an das letzte Haus des Dorfs.
„Mutter, lasst mich ein!“
Ein lautes Poltern drang aus dem Inneren. Die Tür wurde aufgerissen, Hände griffen nach Eve, zerrten sie ins Haus.
„Die Truhe!“, rief Eves Mutter.
Knatschend schoben die beiden Frauen die Truhe vor die Tür. Mit zitternden Händen legte die Mutter ein Beutelchen auf die Barrikade und bekreuzigte sich.
„Verzeiht mir. Ich habe nicht bemerkt, dass es schon zu dämmern begann.“
Eves Mutter schwieg. Die Angst wich aus ihrem Gesicht, an ihrer statt glühte Wut auf.
„Sie kommt mit der Dunkelheit. Sie nimmt am liebsten Mädchen, die fast schon Frau sind. Mit deiner Unachtsamkeit hast du dich und unser Haus in Gefahr gebracht.“
Worte strömten durch Eves Gedanken, die sie nicht aussprechen konnte. Das ganze Dorf hatte Angst. Witwen, die stark genug waren ihre Kinder selbst zu ernähren, erschraken bei jedem Krächzen eines Raben. Gestandene Männer behängten sich mit Talismanen und machten bei dem kleinsten Windhauch das Zeichen des Herrn.
Alle zitterten, wenn die Nacht kam.
Es war nicht ungewöhnlich, dass sich die Menschen nur am Tage sicher fühlten. Eve kannte nichts anderes. Bei den ersten Anzeichen der Dämmerung kehrten sie in den Schutz ihrer Häuser zurück.
Fernab der Städte lebte der Aberglaube. Was die Menschen nicht verstanden, erklärten sie sich mit alten Geschichten von Hexen, Geistern und Dämonen.
Nur waren sie nicht wahnsinnig vor Angst gewesen. Niemand hatte die Türen mit Möbel verbarrikadiert oder Salz auf die Fensterbänke gestreut.
Der Wahnsinn begann vor fast genau einem Monat.



Ein fahrender Händler brachte die Nachricht, dass zwei junge Mädchen verschwunden seien. Eines kam vom Sammeln der letzten reifen Holunderbeeren nicht wieder. Die Andere verschwand aus ihrem eigenen Elternhaus.
Beizeiten keimten die alten Geschichten auf. Fast vergessene Spukgeschichten, mit denen die Kinder erschreckt wurden, kamen hervor und wandelten sich zu Wahrheiten.
Sie sei wieder da.
Sie habe Hunger.
Sie sei wahrlich nicht allein unterwegs.
Die Dörfer dieser unwirklichen Gegend wurden beherrscht von der Angst vor der Hexe von Hitchwick.
Im Herbst, wenn sich die Natur zur Ruhe begibt, die Blätter sich rot färben und das Leben beginnt zu schlafen, suche sie nach Opfern. Obgleich sie sich nicht jeden Herbst erhebe aus den Tiefen der Hölle. Manchmal vergingen Jahre, sogar Jahrzehnte, bis sie wieder zur Gewissheit wurde, vielleicht weil die menschliche Ernte reichlich gewesen war. Dann gab es auch Zeiten, in denen soll sie jedes Jahr umhergezogen sein. Die Ältesten im Dorf hatten als Kinder die Umtriebe der Hexe erlebt. So erzählten sie zumindest und gaben damit die Angst von Generation zu Generation weiter.
Keiner wusste, seit wann die Hexe Opfer forderte.
Keiner wusste, was mit den Mädchen geschah. Sie verschwanden, für immer.
Manche sagten, die Hexe würde die armen Dinger in Stücke hacken und eine Suppe aus ihnen kochen, auf dass sich ihre Jugend stets erneuere. Andere munkelten, die Mädchen seien schon immer anders gewesen. Die Hexe hole nur, wer zu ihrer Sippe gehöre. Doch keiner kannte die Wahrheit.
Eve weigerte sich an all das zu glauben, nur würde sie ihrer Mutter nicht sagen, was sie dachte. Sie war die Belehrungen, die Strafen, die Schläge überdrüssig. Brav tat sie, was von ihr erwartet, verlangt wurde, dazu gehörte auch das Schweigen.
In der Hierarchie stand sie an einer der untersten Stellen, niemand wollte wissen, was sie dachte. Sie hatte nur zu gehorchen, eine fügsame Tochter zu sein und ein unauffälliges Mitglied der Gemeinschaft. Und so saß sie bei ihrer Mutter und flickte Kleidungsstücke im flackernden Licht der Gehorsamkeit.

Die Äste der mächtigen Blutbuche kratzten an das Fenster von Eves Zimmer. Wenn der Wind über das Land zog, die Nacht alles verschluckte und die Bäume ächzten, konnte Eve die Angst der Menschen nachvollziehen. Selbst sie, die nicht an Hexen, Geister und Dämonen glaubte, geriet des Nachts ins Wanken, konnte sich nicht der unheimlichen Atmosphäre entziehen.
Sie lag wach in ihrem Bett, beobachtete die dunklen Schatten am Fenster.
Konnten all diese Schauermärchen wahr sein?
„Gebt Euch nicht dem Aberglauben hin. Es gibt nur einen Glauben, den an unseren Herrn. Glaubt an den Herrn und nicht an Hexen, denn das ist lästerlich.“ Der Pfarrer predigte diese Worte immer und immer wieder.
„Wir glauben an den Herrn und an seinen Schutz. Möge er uns vor der Hexe schützen.“ Diese Antwort der treuen Kirchengänger war meist der Auftakt für lange Diskussionen. Auf dem Land gab es nicht viel Abwechslung, da waren Streitgespräche mit dem Pfarrer eine willkommene Zerstreuung.
Eve verstand nur nicht, wie der Pfarrer sagen konnte, die Menschen sollten nicht an Hexen glauben, obwohl die Kirche noch vor hundert Jahren selbst Jagd auf sie gemacht hatte.
War die Hexe von Hitchwick eine der Frauen, die auf dem Scheiterhaufen ihr Ende gefunden hatten?
Trieb sie deswegen ihr Unwesen, um Rache zu nehmen?
Eigentlich glaubte Eve nicht an diese Geschichten. Ihr war noch nie ein Werwolf begegnet, noch nie hatte ein Geist zu ihr gesprochen und noch nie hatte eine Hexe versucht, sie zu fressen.
Gwen, Eves Freundin seit den Kindertagen, hatte erzählt, dass ihre Cousine mit einem fahrenden Händler fortgelaufen sei. Vielleicht hatten die verschwundenen Mädchen genau dasselbe getan.
Sich verliebt.
Sich befreit von der weiten Enge dieser Gegend.
Vielleicht waren sie jetzt in London. Bestaunten den Fortschritt der Zeit, den es nur in den Städten gab.
Eve erschrak.
Setzte sich auf. Starrte aus dem Fenster.
Da war ein Kratzen gewesen. Nicht das dumpfe, klopfende Kratzen der Äste.
Nein, ein Quietschendes, von Nägeln erzeugt oder von Krallen.
Sie horchte, suchte mit den Augen das Fenster ab.
Nichts, nur die Schatten, die jede Nacht über das Fenster und die Wände huschten. Und die Geräusche waren ebenso altbekannt.
„Nur meine Phantasie“, flüsterte sie sich selbst zu.
Langsam rutschte sie wieder unter die Decke, die Augen immer noch auf das Fenster gerichtet.
Die Angst hatte sich, gleich einer Seuche, ausgebreitet und jedes Haus befallen. Eve befürchtete, dass sie sich ebenfalls angesteckt habe. Sie konnte es spüren, wie ein juckender Hautausschlag zog sich das Gefühl der Beklommenheit über ihre Glieder, ließ die kleinen Härchen aufrecht stehen.
Noch befand sich das Bakterium der Furcht auf ihrer Haut. Wie lange würde es brauchen, um in sie einzudringen, ihr Blut zu vergiften?
Wie lange noch, bis auch sie sich mit Hasenpfoten behängen würde? Bis sie anfing, Gebete vor sich her zu murmeln, sobald ein Ast knackte?
Als Kind waren die Geschichten über die Hexe gruselig gewesen. Mit dem Älterwerden kam die Einsicht, dass es nichts weiter als Märchen waren. Da draußen war nichts, vor dem sie sich fürchten musste, außer vielleicht so manchem Trunkenbold, der seine Hände nicht bei sich behalten konnte.
Sie atmete tief durch und beruhigte sich wieder. Ihre Augen wurden schwer und immer schwerer. Das Blinzeln kam in kürzeren Abständen. Langsam breitete sich die Schwere in ihrem ganzen Körper aus, ihre Gliedmaßen wurden zu Steinen. Der Schlaf rief nach ihr und Eve folgte ihm nur zu bereitwillig. Noch ein letzter Wimpernschlag, dann würden sich ihre Augen für die Nacht schließen. Doch dieser Wimpernschlag, dieser kurze Augenblick des noch Sehens, riss sie aus den Armen Morpheus.
Die Augen geweitet, den Atem anhaltend, starrte sie auf das Fenster.
Ein Schatten, ein tiefschwarzer Schatten, so groß wie ein Mensch, hatte vor ihrem Fenster gestanden.
Er hatte dort nicht gestanden, er konnte dort nicht stehen, ihr Zimmer lag im oberen Stock.
Er musste geschwebt sein.
Nun jedoch war er weg, oder war er niemals dagewesen?
Sie horchte in die Nacht. Das Einzige, was sie vernahm, war das Rauschen ihres Blutes in ihren Ohren.
„Das ist nicht möglich. Es gibt keine Hexen“, flüsterte sie sich zu.
Ihre Gedanken überschlugen sich, machten sie nicht ruhiger, sondern nervöser. Ihre Augen, die Müdigkeit, die Gedanken, sie mussten ihr einen Streich gespielt haben.
Ganz gewiss, nur ein Trugbild.
Es war Wind aufgekommen und hatte die Äste so heftig bewegt, dass dieser merkwürdige Schatten entstanden war. So und nicht anders musste es gewesen sein.
Kälte schlich sich unter ihre Decke, kroch in ihre Knochen. Ein leises Bibbern schüttelte ihren Leib. Sie zog die Knie an, stopfte die Enden der Decke unter ihren Körper, nicht nur um sich vor der Kälte zu schützen. Für einen kurzen Augenblick war eine Erinnerung in ihr aufgekeimt.
Nachtängste eines Kindes.
Für den Fall, es könnte ein Geist unter ihrem Bett leben, der sie nachts in sein Reich mitnehmen wollte, hatte sie die Decke immer um die Füße gelegt. Wenn kein Fuß herausguckte, konnte er ihn auch nicht packen und mit sich schleifen.
Nur ein Aufblitzen dieser Angst hatte gereicht, gleich einem Kind wickelte sie sich in die Decke.
Es war dumm, es war albern, es half ein wenig. Das Frösteln ließ nach, der Schreck verblasste.
Es war spät, sie musste Schlaf finden. Sie rutschte wieder hinab, vergrub ihren Kopf im Kissen und schloss die Augen. So konnten sie keine Trugbilder mehr erschrecken.
Da war etwas!
Eve hatte die Augen geöffnet, ein Reflex, wie das Anheben des Kopfes.
Ein Flüstern. Ihr Name in gehauchten Worten.
Vielleicht ihre Mutter, die etwas brauchte, einen schlechten Traum gehabt hatte.
Stille!
Ihre Mutter hätte wiederholt gerufen, sofort und lauter. Doch alles war still, blieb still.
Eve senkte den Kopf und schloss die Augen. Ihr Atem kam in Stößen der Beunruhigung.
Alles nur Einbildung, alles nur Phantasie. Immer und immer wieder sagte sie in Gedanken diese Worte. Ein Gebet, eine Schutzformel des Wissens und des Verstandes.
Etwas stand neben ihr.
Sie konnte es deutlich spüren. Die Verdichtung der Luft, die Anwesenheit eines festen Körpers. Es stand neben ihrem Bett, ganz sicher.
Nur ein Zwinkern, ein leichtes Zucken mit den Augenlidern und Eve hätte Gewissheit. Sie konnte es nicht, sie konnte ihre Augen nicht öffnen. Solange sie es nicht sah, war es auch nicht real. Und wenn sie es nicht sehen konnte, dann konnte es sie auch nicht sehen.
„Eve.“
Deutlich, ein Flüstern, ganz nahe. Gewiss nicht die Stimme ihrer Mutter. Nicht der strenge Ton des Ermahnens. Eher ein Säuseln. Ein Wort, ein Name, geflüstert, wie ein Versprechen.
In Eves Brust hämmerte ihr Herz mit der Wucht eines Schmiedehammers. Ihr Körper kribbelte vor Anspannung.
Verzweifelt versuchte sich Eve auf etwas Unbedeutendes, etwas Natürliches zu konzentrieren. Das Angst geschwängerte Blut schoss durch ihren Körper und vertrieb alles, was nicht seinem Kern entsprang.
Irgendwo musste etwas Neutrales sein. Sie dachte an die Sonne, den Sonnenaufgang. Bis zu den ersten Strahlen des neuen Tages musste sie nur durchhalten. Der Tag würde jeden Alb vertreiben.
Etwas veränderte sich im Zimmer. Es war weg, stand nicht mehr neben ihrem Bett. Ein Moment des Wartens, dann erst keimte die Sicherheit in ihr auf, dass sie völlig allein war. Zögernd öffnete Eve ein Auge, nur halb, ganz unauffällig.
Dunkelheit. Keine Gestalt, kein Schatten, nichts Ungewöhnliches. Eve atmete erleichtert auf.
Knirschend kratzte etwas am Fenster entlang und schrie dazu ihren Namen.
Eve war aufgefahren, starrte das Fenster an, hatte das Bett schon halb verlassen. Ihr Verstand begriff nicht, was vor sich ging. Sie war voller Panik, obschon ihre Augen nichts Ungewöhnliches erkennen konnten. Ein Fenster, Himmel, Bäume, Wolken, Wiesen, die nur als dunkle Hügel zu erkennen waren.
Langsam rutschte sie zurück unter ihre Decke. Sie hatte sich nicht geirrt. Sie wusste, was sie gehört hatte.
Oder vielleicht doch nicht?
Sie horchte in die Nacht. Alles andere wurde zur Nebensache, das Atmen stellte sie fast gänzlich ein. Flache, kaum merkliche Züge hoben ihren Brustkorb.
Die Augen waren starr auf das Fenster gerichtet, ohne wirklich etwas zu sehen. Das Fenster, der Raum, das Haus, alles trat in den Hintergrund. Einzig und allein das Hören war von Wichtigkeit. Es nahm den Raum ein, es wurde zum einzigen Verbündeten. Sie würde es hören, frühzeitig hören und dann handeln, aber dafür musste sie absolut still sein. Das war schwer, ihr Herz schlug wild vor Anspannung. Das Klopfen und Rauschen in ihren Ohren machte es so gut wie unmöglich, das eine Geräusch herauszufiltern.
Eve verblieb in der Position, im Warten und Horchen bis zum ersten Grau des neuen Tages.
Endlich!
Endlich erschien das erlösende Grau der aufbrechenden Dunkelheit. Das Licht vertrieb alle Nachtmahre, alle Gespinste, sogar Gedanken. Der Tag bedeutet Erlösung, Befreiung von der Angst und der Anstrengung.
Ihr Kopf sank auf das Kissen, ihre Augen schlossen sich zwinkernd, dann war sie eingeschlafen.

Eve fühlte sich fiebrig. Die Nacht war auslaugend gewesen und der Schlaf viel zu kurz. Ihr Körper war erschöpft und ihr Geist müde, so müde, dass er weder fähig war, die Ereignisse logisch zu erklären, noch in Panik zu verfallen.
Die unwirkliche Angst der vergangenen Nacht saß noch in ihren Knochen, gleich einem leidlichen Albtraum, dessen Bilder nicht aus den Gedanken zu tilgen waren. Die Nacht hatte die Absurdität eines Albtraums besessen und ebenso wollte Eve sie behandeln. Sich vor Unbehagen schütteln, wenn Erinnerungen hochkamen, ihnen jedoch keine weitere ernsthafte Aufmerksamkeit schenken.
Zu gern wäre sie in ihrem Bett geblieben, nur noch ein Weilchen, ein Auskosten der Ruhe und Sicherheit. Von alledem hatte ihre Mutter nichts wissen wollen. Für ihre Leidlichkeit fand die Mutter keinerlei Verständnis und für ihre Angst wollte sie keins. So war Eve nichts anderes übriggeblieben, als sich den Aufgaben ihrer Mutter zu beugen.
Sie stapfte übellaunig die Straße entlang, in den Händen hielt sie einen Brief. Die erste Aufgabe bestand darin, den Postboten zu geben.
Regelmäßig fuhr Mrs. Cooper nach London und Eve konnte nicht verhehlen, dass sie die ältere Dame darum beneidete, um all die Möglichkeiten, die sich dort boten. Mrs. Coopers Kinder lebten in der Stadt und ermöglichten ihr ein recht angenehmes Leben. Eines Tages würde sie sicher zu ihnen ziehen, noch aber war sie in dem Dorf ihrer Kindheit verwurzelt.
Obwohl Eves Vater in London arbeitete, besuchten sie ihn nie. Für solche Flausen wurde kein Geld ausgegeben. Manchmal fragte sie sich, ob ihre Mutter nie Sehnsucht nach ihrem Mann, nach Abwechslung, nach Fortschritt verspürte?
Den geliebten Mann zu besuchen, war ein legitimer Grund in die Stadt zu fahren. Nicht aus Sucht nach schönen Sachen oder Zerstreuung, was man für liederlich hätte halten können, sondern aus Zuneigung. Nun war ihre Mutter aber nicht gewillt, solch eine Möglichkeit in Anspruch zu nehmen. So blieb über viele Wochen der einzige Kontakt das geduldige Papier, mit Worten voll unbedeutender Neuigkeiten.
Ein seltsames, unbehagliches Kribbeln breitete sich in Eves Nacken aus. Blicke ruhten auf ihr. Augen bohrten sich in ihren Rücken.
„Da ist niemand“, flüsterte ihr Verstand.
Wenn da jemand sein sollte, dann wahrscheinlich nur der alte McFare, der seine Blicke von keinem Rock fernhalten konnte.
Der Drang sich umzudrehen wurde immer stärker, ihm nachzugeben, traute sie sich nicht. Es bestand die Möglichkeit, dass dort kein alter Trunkenbold stand, kein Mensch sie beobachtete, dies allerdings nichts an dem Gefühl ändern würde. Das Fehlen eines Beobachters war noch beängstigender als die Anwesenheit eines Fabelwesens.
Das Gefühl wurde beklemmender, die Blicke schienen durchdringender zu werden, als käme der Voyeur näher. Wieder erkor sie das Horchen zu ihrem Verbündeten.
Kein Knirschen der Steinchen, kein patschendes Geräusch des Matsches, kein Rascheln der Blätter, nichts deutete auf zusätzliche Schritte hin. Und doch beschleunigte Eve ihre eigenen.
Mit einem Mal wurde ihr jedoch bewusst, wie absurd sie sich verhielt. Es war helllichter Tag und sie befand sich in der Nähe von Menschen.
Die Nacht mit ihren Schatten hatte sie verwirrt, fast zu einer von Ihnen gemacht. Zu einer abergläubischen Person. Sie war jedoch nicht abergläubisch und würde so auch nicht werden.
Eve blieb stehen und drehte sich entschlossen um. Mit vielem hatte sie gerechnet, nicht aber damit. Der greise Colver sah belustigt drei kleinen Mädchen beim Spielen zu, die Witwe McSwell unterhielt sich mit den jüngferlichen Hallward Schwestern vor deren Haus.
Wo kamen sie her?
Hatten ihre verstörten Gedanken sie wirklich so eng festgehalten, dass sie blind ihres Weges gegangen war?
Die Kinder spielten auf dem Weg, sie hätte sie sehen müssen, ihnen sogar ausweichen, doch das war nicht geschehen.
Mrs. McSwell blickte zu ihr rüber, nickte grüßend und Eve erwiderte die Höflichkeit. Die Geste blieb den Schwestern nicht verborgen, neugierig wandten sie sich um. Erneut ein Austausch von Höflichkeiten, der schnell vergessen war. Noch im Aufnehmen ihres eigentlichen Weges erkannte Eve die Veränderung des Gesprächs. Die Damen steckten die Köpfe zusammen, senkten die Stimmen und blickten das ein um andere Mal verstohlen zur Seite. Sie tratschten, tauschten Vermutungen und Gerüchte aus. Der Anstoß und Inhalt dieser unheiligen Worte war Eve.
„Sie sprechen über mich“, flüsterte ihr Verstand.
Warum taten sie das? Was erzählten sie sich, das so unerfreulich war, es nur flüstern zu können?
Unauffällig, so weit dies möglich war, spähte sie immer wieder über ihre Schulter zu der Unterhaltung der Damen.
„Vorsicht mein Kind! Halte stets die Augen in die Richtung, die deine Füße gehen, sonst fügt ihr euch und anderen Schaden zu.“
Eve erschrak beim plötzlichen Klang der Worte, noch im selben Augenblick wandelte sich das Gefühl zu Ärger. Sie war erbost über ihre Emotionen und ihr Verhalten, sie benahm sich dumm und lachhaft.
„Entschuldigen Sie bitte Mrs. Cooper. Ich hoffe, ich habe Sie nicht angerempelt.“
„Nein, nein, mein Kind. Zum Glück sind meine Augen noch prächtig in ihrem Können und meine Gedanken halten sich immer in geziemten Bahnen. Nun war es mir vergönnt dies über viele Jahre zu verfestigen, die Jugend hingegen litt schon immer an einem zu hohen Maß von Ungestüm.“
Mrs. Cooper blickte Eve abschätzend und mit einem Übermaß an kritischer Besorgnis an.
„Geht es euch gut, mein Kind? Ihr seid sehr blass. Nicht die vornehme, wünschenswerte Blässe meine ich, sondern die ungesunde, die immer in Begleitung der dunklen Schatten, welche sich um die Augen legen, die Menschen befällt.“
„Oh nein, mir geht es gut. In der Nacht war es nur recht stürmisch, so schlugen Äste immer wieder gegen das Fenster und weckten mich. Der schlechte Schlaf zeigt sich wohl auf meinem Gesicht.“
Sie beendete ihre Darlegung, sah jedoch in den Augen der alten Dame den Wunsch das Thema weiterzuführen, was Eve tunlichst vermeiden wollte. Ungeschickt und sehr auffällig wechselte sie das Thema.
„Meine Frau Mutter hat mich zu Ihnen geschickt, um Ihnen diesen Brief mitzugeben.“
„Oh ja, ich weiß, sie sagte es mir schon vor einigen Tagen.“
Mrs. Cooper nahm den Brief entgegen, blickte ihn neugierig an und strich prüfend mit dem Daumen über das Papier.
„Sicher erwartet euer Herr Vater schon sehnlichst Nachricht von seiner Familie. Und es bereitet mir Freude, dass ich es bin, die ein wenig Hermes spielen darf.“
Eve wusste nicht recht, was sie darauf erwidern sollte.
„Es ist überaus freundlich von Ihnen, dass Sie die Briefe stets mitnehmen.“
War es das gewesen, was sie hatte hören wollen?
Es war wirklich freundlich von der älteren Dame, allerdings wusste Eve, dass sie nicht aus reiner Menschenfreude den Hermes gab. Ihre Mutter war für ihren ausgezeichneten Likör bekannt, den sie mehrmals im Jahr aufsetzte. Mrs. Cooper bekam immer eine Flasche als Dank für ihre Mühe.
„Vielleicht sollte euer Vater dafür sorgen, dass ihr bis zum Winter bei ihm in der Stadt bleiben könnt. Zumindest euch sollte er für eine kurze Weile hier wegholen.“
Eves Herz zog sich auf seltsame Weise zusammen, geradeso, als hätte ihr jemand eine schlechte Nachricht überbracht.
„Wie - wie kommen Sie darauf?“
„Aber mein Kind, ihr wisst sehr genau, was man sagt. Sie durchstreift neuerlich die Gründe dieses Landstrichs. Gestern noch hat mir Mrs. McSwell berichtet, dass die reizende Gwen zu ihren Verwandten nach Bath geschickt wird. Eltern tun gut daran, ihre Töchter von hier fortzuschicken, zumindest für eine Weile.“
Auch sie, diese gebildete Dame, die so oft in der modernen Stadt verweilte, glaubte an Hexen, Eve konnte es nicht fassen.
„Wenn meine Augen mich nicht trügen und das tun sie nicht, dann seid ihr schon zum Gespräch geworden“, sagte Mrs. Cooper und nickte unauffällig in Richtung der drei geschwätzigen Damen.
„Seht euch vor mein Kind und entrichtet eurer Mutter Grüße, ich befürchte, man wird nicht auf mich warten.“
Die Reisende ging ihres Weges und ließ Eve verwirrt und ein wenig verängstigt zurück.
Eve konnte nicht einfach so stehen bleiben und die Leute anstarren, sie würden sich noch mehr den Mund zerreißen, als sie es scheinbar schon taten. Der Gedanke an ihnen vorbeizugehen, machte die Sache allerdings nicht besser. Natürlich bestand die Möglichkeit einen anderen Weg einzuschlagen. Jener Weg würde sie ebenfalls nach Hause führen, obschon er länger war und ein Stück durch den Wald verlief, was keine besonders behagliche Alternative darstellte.
„Weder vor Hexen, noch vor der Nacht, noch vor Menschen habe ich Angst“, flüsterte sie sich zu und reckte das Kinn nach oben.
Festen Schrittes ging sie die Straße entlang, nicht gewillt irgendeiner unvernünftigen Emotion nachzugeben. Auf seltsame Weise schien die Strecke länger und länger zu werden. Ihre Beine hoben sich nur widerwillig vom Boden, geradeso, als laufe sie über stark matschigen Grund.
Unfreiwillig lauschte Eve auf die Worte der Kinder, als sie, aus einem Impuls heraus, langsamer an ihnen vorbeischritt. Wohl hatten sie sich darauf geeinigt Fangen zu spielen.
„Du bist die Hexe, du musst uns fangen!“
„Ich will nicht die Hexe sein.“
„Besser die Hexe sein, als von ihr gefressen werden.“
„Na gut, dann bin ich die Hexe, aber ich gebe euch keinen Vorsprung.“
Kaum hatte das kleine Mädchen ihren Satz beendet, rannte es auch schon los, mit den Armen wild rudernd und greifend. Die beiden anderen kreischten und rannten kopflos davon, auf Eve zu, wichen ihr in letzter Sekunde jedoch aus. Nur die kleine Hexe schaffte es weder stehenzubleiben, noch auszuweichen und stieß mit Eve zusammen.
Lachend blieben die Gejagten stehen, zeigten mit dem Finger auf Eve und riefen voll Freude: „Die Hexe hat dich! Die Hexe hat dich! Jetzt frisst sie dich!“
Das Blut schoss Eve ins Gesicht, färbte es rot vor Schreck und Zorn.
„Macht, dass ihr wegkommt! Spielt woanders!“, schrie sie und ging mit zittrigen Knien weiter.
Unheilvoll lachend rannten sie davon, ihrem wieder aufgenommenen Spiel folgend. Eve zwang sich, ihnen nicht nachzuschauen, obgleich sie kurz zur Seite blickte, in das Gesicht des greisen Colver, dessen Mund zu einem schiefen Grinsen verzogen war.
„Sie wissen es. Sie wissen, dass ich von Ihr auserkoren wurde. Nein, nein, nein! So ein Unsinn.“ Flüsterte die Furcht und widersprach der Verstand.
Angestrengt versuchte Eve nicht auf das Flüstern des Damenkränzchens zu hören, als sie diese letzte Hürde hinter sich brachte. Vergebens, die Worte drangen an ihr Ohr, in ihren Verstand, wie sehr sie sich auch weigerte sie hereinzulassen.
Nur Fetzen von Sätzen, Worte aus dem Zusammenhang gerissen und doch verrieten sie ihr mehr als sie wissen wollte.
„Blass … ängstlich … rechte Alter … seltsam … Sie …“
Hatte das Dorf sie bereits auserkoren? Zum Opfer der Hexe ernannt? War es ihre Jugend?
Sie war ein wenig jünger als Gwen, eignete sie sich deswegen besser als Opfergabe für die Hexe, damit diese ihr Leben erhalten konnte?
Oder befand man, dass sie anders sei, seltsam und die Hexe sie deswegen zu sich holen würde?
Sie hole nur, wer zu ihrer Sippe gehöre.
Eve verweigerte sich diesem Gedanken, sie war nicht seltsam. Nur weil sie sich dem Aberglauben nicht hingab und dem Fortschritt wohlgesonnen entgegenblickte, war sie noch lange keine Hexe und auch nicht so viel anders als die anderen Mädchen.
Erleichtert und erschöpft betrat sie ihr Heim. Ihr Herz schlug schnell, ihr Atem kam in kurzen Stößen, geradeso, als sei sie gerannt. Bis der Wahnsinn die Menschen aus seinen Klauen gelassen hatte, wollte sie das Haus nicht mehr verlassen, sie wusste, dass dies nicht möglich war, doch der Gedanke es zu tun, gab ihr ein wenig Ruhe.
Eve lehnte sich mit dem Rücken an die Tür und schloss die Augen. So stand sie da und genoss eine kurze Weile das Gefühl der Sicherheit. Die Welt, die Menschen, die Angst, alles Unangenehme lag auf der anderen Seite der Tür, würde von dem schweren, dunklen Holz ferngehalten.
Schritte rissen sie aus ihrer Erleichterung. Ihre Mutter würde es nicht gutheißen, wenn sie einfach so, mit geschlossenen Augen, rumstand. Eve stieß sich von der Tür ab, strich sich verlegen über ihren Rock und rief nach ihrer Mutter.
„Mutter? Ich bin wieder zurück. Ich soll Euch Grüße ausrichten von Mrs. Cooper.“
Eve horchte. Die Schritte kamen von der Treppe, ihre Mutter musste im oberen Stock gewesen sein. Zögernd machte Eve einen Schritt nach vorn, blieb dann stehen und versuchte die Treppe zu erspähen. Bis auf die letzte Stufe wurde die Treppe von einer Wand verdeckt. Ganz langsam näherten sich die Schritte Eves Sichtfeld.
„Mutter?“, rief sie mit zittriger Stimme.
Etwas Seltsames ging vor sich. Längst hätte ihre Mutter erscheinen müssen. Zudem klangen die Schritte völlig anders, als die ihrer Mutter. Bestimmend und forsch, ein Spiegelbild ihres Charakters, waren die Schritte der Mutter.
Immer noch knatschte leise das Holz, obschon sich die Geräusche nun wieder entfernten.
Vorsichtig, leise, geradezu zögerlich bewegte sich Eve auf die Treppe zu. Kaum hatte sie die Wand erreicht, verstummten die Geräusche. Friedlich und ruhig war das Haus.
„Mutter? MUTTER!“, rief, schrie die verängstigte Tochter.
Wild blickte Eve um sich her. Es kam keine Antwort, sie musste vollkommen alleine im Haus sein. Aber da waren Schritte gewesen. Eve war sich sicher, sie gehört zu haben. Kein natürliches Knacken oder Ächzen des Hauses. Die Geräusche waren von einem Menschen erzeugt worden.
Von einem Menschen?
„Es gibt keine Hexen!“
Verstrickt in einem Kampf zwischen Panik und Vernunft, begann Eve von Zimmer zu Zimmer zu hechten, die Treppe hinauf und wieder hinunter.
Niemand war da. Sie war allein. Schwer atmend blieb sie am Ende der Treppe stehen, stützte die Hände auf ihren Oberschenkeln ab und senkte den Kopf.
„Das ist die Schuld dieser geschwätzigen, alten Weiber!“, murmelte Eve.
Diese Waschweiber hatten mit ihrem heimlichen Flüstern und ihren vergifteten Worten die Angst in Eves Seele geschürt. Diese schreckliche Furcht suchte nach Bestätigung, fand sie keine, so gaukelte sie dem Verstand eben Schritte vor, die nichts weiter als natürliche Geräusche waren.
Wut keimte in Eve auf, sie würde sich weigern so zu werden wie die Anderen. Keine Hexe, kein Aberglaube, keine Ängste würden je Macht über sie bekommen.
„Eve.“
„Mutter?“
Eve richtete sich auf, machte einen Schritt in Richtung Küche, doch irgendetwas hielt sie davon ab weiterzugehen.
„Das war nicht die Stimme deiner Mutter!“, mahnte sie ihre innere Vorsicht.
„So ein Unsinn!“, schimpfte ihre Vernunft.
Die Wut, die gerade noch so mächtig durch ihre Adern geflossen war und die Angst verdrängt hatte, musste sich geschlagen geben. Mit einer Armee von unguten, Furcht einflößenden Gedanken und Gefühlen war die Angst zurückgekehrt, besetzte Eve.
„Mutter, seid Ihr das?“, rief sie noch einmal und blickte mit zitternden Knien in die Küche.
Keine Mutter. Niemand. Nichts, nur der leere Raum. Plötzlich umschloss sie eine brennende Hitze, geradeso, als stehe sie mitten in einem brodelnden Feuer. Tränen stiegen ihr in die Augen, das Atmen war unmöglich, ein markerschütterndes Zittern ergriff ihren Körper und dann legten sich Arme um sie.
Die Hitze an ihrem Ohr nahm zu, wurde unerträglich, brannte sich in ihren Kopf.
„Du bist mein.“
Ein brennendes Flüstern, nur wieder der Hauch einer Stimme. Ihre Knie wollten nachgeben, doch das durften sie nicht.
Mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, riss sich Eve von der Hitze los, befreite sich aus dem Griff der unsichtbaren Arme und rannte, stolperte zur Tür.
Noch bevor sie die Tür öffnen konnte, wurde sie aufgestoßen. Eve schrie, erblickte eine Frau vor sich. Die Angst vernebelte ihren Verstand, die Tränen ihre Sicht, es war ihr nicht möglich zu erkennen, wer da vor ihr stand.
Finger schlugen gegen ihre Wange, so fest, dass sich Abdrücke auf der schon geröteten Haut bildeten. Dann packten sie Hände und schüttelten ihren Körper, drängten sie dabei ins Haus.
„Was soll das?“, schrie Eves Mutter und ließ von ihr ab.
Jetzt erst erkannte sie die Frau, die vor ihr stand. Ihr Kopf glühte, ihre Wange brannte vor Schmerz, ihre Gedanken waren wirr.
„Ich …“, begann Eve, doch ihre Zunge wollte keine weiteren Worte formen.
„Was?“, fragte ihre Mutter streng.
„Ich … Ich bin eingenickt, als ich nach Hause kam, und habe schlecht geträumt.“
Eve blickte auf den Boden, ohne den Funken Hoffnung, dass ihre Mutter ihr glauben würde. Stille herrschte eine Zeitlang zwischen den Frauen.
„Geh und hol Wasser, ich werde dir einen Tee bereiten, du scheinst krank zu werden.“
Ungläubig sah Eve ihre Mutter an. Das konnte nicht sein, sie konnte ihr nicht glauben.
„Na, wird es bald!“
Eve öffnete den Mund, wollte etwas sagen, nur was sollte sie ihrer Mutter sagen?
Was wäre schlimmer, wenn ihre Mutter ihr nicht glauben, oder wenn sie ihr glauben würde?
Eve wusste es nicht und im Grunde war es auch egal, denn sie würde Stillschweigen bewahren. Erst einmal ausgesprochen, war die Angst frei, konnte sich noch schneller verbreiten, das ganze Haus vergiften. Schweigen war Gold.


Ihre Mutter war gnädig gewesen und hatte sie früh zu Bett gehen lassen, obschon es nicht früh genug war. Die Dunkelheit hatte sich längst ausgebreitet, war in jedes Haus, jeden Winkel gekrochen. Weder ihre Erschöpfung, noch die Schwere der Müdigkeit hatten ausgereicht, sie ins Reich der Träume zu geleiten, bevor die Angst ihre Arme um sie legen konnte.
Wieder wurde es eine Nacht des Wachens und Lauschens, des Schlummerns und Erschreckens. Obgleich nichts geschah, hatte Eve in abwartender Vorsicht verharrt. Immer und immer wieder war der Tag durch ihre Gedanken geschlichen, hatte sie nach Antworten gesucht für das, was geschehen war. Die Hitze, die Arme, die Stimme, konnten das alles Trugbilder ihrer verängstigten Phantasie gewesen sein?
Die andere Möglichkeit, die des real Erlebten, wollte sie nicht einmal andenken.
Es gab keine Hexen.
Nun saß sie kraftlos und erschöpft an dem großen, aus grobem Holz gezimmerten Tisch, vor sich eine Schüssel Porridge. Der zähe Haferbrei schien ein Ebenbild ihres Zustandes und der Situation. Schwer, zäh und trist.
Lange würde sie das nicht mehr durchstehen, wenn nicht die vermaledeite Hexe sie holte, dann würde sich der Wahnsinn ihrer bemächtigen. Womöglich war nur Flucht die einzige Rettung.
„Mutter, wäre es möglich, dass Ihr mich nach London schickt?“
Erstaunen zog über Eves Gesicht. Die Worte waren aus ihrem Mund gekommen und doch klangen sie fern und unwirklich, von fremden Zungen geformt.
Für einen kleinen Augenblick hielt die Mutter inne. Das Messer hatte kurz über der Möhre gestoppt, ihr Kopf hob sich ein wenig, dann hackte der kalte Stahl mit zu viel Kraft in das Gemüse und hinterließ eine tiefe Kerbe im Holzbrett.
„Nein!“
Ein Wort, nicht mehr und doch sagte es so viel. Es schienen mehr Worte zu sein, als in einer Sonntagspredigt enthalten waren.
Sie hatte Angst, so wie jeder im Dorf. Sie schützte sich mit Aberglauben, wahrlich ging die Angst aber nicht so weit, dass sie unnötiges Geld dafür ausgab. Gottesfürchtigkeit und Gehorsam waren die Dinge, die Eve Schutz geben würden.
Sollte es das Schicksal so wollen, gegen allen Glauben und Schutz, dann würde es geschehen.
Manchmal war es nötig Opfer zu bringen, ging es um das Wohl Vieler. Niemand wollte sein Kind verlieren. Allerdings wollte es auch niemand darauf ankommen lassen, herauszufinden, was geschah, wenn die Hexe kein junges Mädchen fand.
Übelkeit stieg in Eve auf, so stark, dass ihr schwindelig wurde. Hilflosigkeit, Angst und Einsamkeit mischten sich zusammen, bildeten einen Kloß in ihrem Hals, der ihr die Luft zum Atmen nahm.
War es beschlossen vom Dorf, ohne das jemand darüber geredet, oder gar abgestimmt hatte?
War sie die Opfergabe für die Hexe, damit sie vorbeizog, ohne noch mehr Schaden anzurichten?
Eine übermäßige Hitze ergriff ihren Körper, stieg in ihren Kopf. Es war nicht das brennende Feuer vom Vortag, es war eine fiebrige Hitze, die aus ihr herauskam und sie nicht einhüllte.
Die Übelkeit flachte etwas ab, wurde mit dem nächsten Herzschlag jedoch wieder schlimmer. Sie breitete sich in ihrem Magen aus, kroch die Speiseröhre hinauf. Das Porridge verschwamm vor ihren Augen, die Übelkeit erreichte ihren erstickenden Höhepunkt.
Mit einem Ruck stand Eve auf. Der Stuhl kippte nach hinten, die Hitze schien in ihrem Kopf zu explodieren, alles wurde schwarz. Das Letzte, was sie wahrnahm, war der laute Knall, mit dem der Stuhl auf dem Boden aufschlug. Oder war es ihr eigener Sturz gewesen, der das Geräusch erzeugt hatte?

Der Fieberwahn ließ schaurige Bilder in der Dunkelheit erstehen, sie tanzten durch Eves Gedanken, in ihrem Zimmer, um ihr Bett herum. Manchmal waren nur Stimmen in der Schwärze, bekannte Stimmen und gänzlich fremde. Die Worte waren verlockend, verstörend, aber auch tröstend.
Eve fühlte sich schwach und müde. Es war ihr, als treibe sie auf einem Ozean aus Nacht, zu kraftlos, um zurückzuschwimmen und doch bemüht, nicht in der Unendlichkeit zu verschwinden.
Der Ozean war voller seltsamer Bewegungen, Geräusche und Wesen. Manchmal zerrten sie an ihr, wollten sie hinab oder noch weiter rausziehen. Manchmal berührten sie nur sanft ihre Wange, streichelten über ihr Haar und summten ein Lied in ihr Ohr.
Drei Tage verbrachte sie auf dem Ozean der Dunkelheit, über dem weder die Sonne noch der Mond aufgingen. Am vierten Tag kehrte sie allmählich zurück, erkannte ihre Umgebung, die Menschen, die an ihr Bett kamen. Die Augen zu öffnen war anstrengend, etwas willentlich zu sagen überstieg ihre Kraft.
Nur war sie nicht allein zurückgekehrt. Manche Wesen aus dem schwarzen Ozean waren ihr gefolgt, versteckten sich in den dunklen Ecken des Zimmers und unter dem Bett. Wenn alles still war und kein anderer Mensch mehr bei Eve verweilte, kamen sie hervor. Sie flüsterten ihr Geschichten zu, sprachen von den verborgenden Dingen, die vor ihrem Fenster lauerten. Manch Wesen zwickte sie in die Seite, in den Fuß oder den Arm, wenn sie schlief und es sich langweilte. Ein Wesen jedoch war voller Zärtlichkeit und Wärme, hielt Eves Hand, wenn ihr Fieber stieg und sie sich von einer Seite zur anderen Seite wälzte.
Es öffnete das Fenster, ließ die Schatten der Nacht hinein. Tanzend krochen sie über die Wände, während das Wesen ihr schaurige, blutrünstige und traurige Geschichten erzählte.
Jede Nacht füllte sich der Raum mit Schatten, dunklen Wesen und Nachtmahren. Eve spürte, wie die Angst an ihr zerrte, tief in ihr Herz eindringen wollte, doch sie war zu schwach für diese aufreibenden Gefühle. Mal keimte Furcht auf, mal schlug sie um sich, die meiste Zeit jedoch nahm sie es hin, sparte sich die Kraft für ihre Genesung.
Nacht um Tag vergingen, deutlicher wurden die Grenzen zwischen Schattenwelt und Normalität.
Die Genesung war schneller vorangeschritten, als alle erwartet hatten, so konnte Eve noch eine Weile länger in ihrem Schutz bietenden Krankenbett verweilen. Ein Schutz, der minimal war, nicht vor den Wesen der Dunkelheit half, jedoch einen Rückzugspunkt von den Menschen bot.
Eve aß und trank selbstständig, wechselte Worte mit den Besuchern, dessen ungeachtet schlief sie noch immer die meiste Zeit. So begab es sich, dass sie hörte, was nicht für ihre Ohren bestimmt war.
Mrs. Cooper kam mit Eves Mutter hinauf, als Mrs. McSwell gehen wollte. Eve hatte sich schlafend gestellt, als Mrs. McSwell ihr Zimmer betreten hatte. Sie war nicht gewillt zur Unterhaltung der Klatschbasen beizutragen. Zudem waren die meisten Besucher von einem geradezu vampirischen Wesen. Sie saugten alle Kraft aus Eve heraus, so fühlte sie sich danach elender als zuvor. Womöglich trugen auch die Geschichten dazu bei, welche die Besucher zum Besten gaben und als wabernde Furcht zurückließen. Krankengeschichten von Verwandten und Bekannten, überwiegend mit wenig erfreulichem Ausgang.
Wollte Eve genesen, und das wollte sie schnellst möglich, musste sie weitere Gespräche mit diesen Besuchern meiden.
Auch jetzt vermied sie es, auf das Gespräch, was sich zwischen den drei Frauen entwickelte, zu lauschen, ohne großen Erfolg. Die Worte schlichen in ihr Zimmer, krochen das Bett hinauf, in ihre Ohren und brannten sich in ihren Verstand. Sie nahmen ihre Aufmerksamkeit gefangen, zwangen ihre Gedanken sich nur mehr auf sie zu konzentrieren.
„Bei Ihr war es ebenso.“
„Wie weise von Gwens Familie sie fortzuschicken“, sagte Mrs. Cooper.
„Das ist nicht von Belang. Hätte Sie Gwen gewollt, hätte Sie das Kind geholt“, gab Mrs. McSwell zurück.
„Dr. Glenn sagt, es sei eine Grippe. Viele bekommen sie zu dieser Jahreszeit“, sagte Eves Mutter beschwichtigend.
„Das glaube ich kaum, es ist, wie bei Ihr, wie es meistens ist. Das Fieber kommt vom Gift. Sie vergiftet die Kinder, wenn Sie nicht gleich an sie herankommt.“
Ein Moment der Stille trat ein.
„Kein Wesen vermag mein Essen mit Gift zu versetzen.“
„Nicht doch, Eve muss es nicht wie gängiges Gift aufgenommen haben. Sie hat es dem armen Kind des Nachts womöglich ins Ohr geträufelt, oder sie auch nur angehaucht.“
„Meine Liebe, ich will Ihnen kaum widersprechen und doch glaube ich, ein Ortswechsel wäre ihr gut bekommen“, sagte Mrs. Cooper mit einem Lächeln auf den schmalen Lippen, welches ihre Meinung unterstrich.
„Und auf wen wäre die Wahl sodann gefallen? Sie ist eine Tochter des Dorfs. Sie muss bleiben, das wissen Sie doch auch“, sagte Mrs. McSwell mit drohender Stimme.
„Gehen wir nach unten. Wir wollen Eve nicht wecken, wenn sie schläft.“
Die Stimmen verstummten, die Schritte entfernten sich, die Worte blieben.
Eve war wahrhaftig bemüht gewesen den Worten keine Aufmerksamkeit zu schenken. Nicht wieder sollte ihr Geist vergiftet werden durch die Angst, welche das Misstrauen den Menschen gegenüber erzeugte.
Aussichtslos war der Versuch gewesen, die Worte waren zu schnell, zu stark, wenngleich die nicht-gesagten-Worte noch mehr Unheil in sich trugen.
Sie war die erste, die beste Wahl. Sie war entbehrlich. Also hatte das Dorf entschieden und ihre Mutter würde das Urteil nicht anfechten.
Das Atmen fiel ihr schwer, ein Felsen schien auf ihrer Brust zu liegen. Sie war gefesselt an das Dorf, an die schicksalstreuen Bürger, die gerichtet hatten. Eve war das Opfer für die Hexe von Hitchwick.
Aber das war Wahnsinn. Eves Verstand lehnte sich auf, schien mit geballten Fäusten gegen die Wände des Gefängnisses zu schlagen. Ein Gefängnis erbaut aus Aberglauben und Unwissenheit.
Es gab keine Hexen.
Es gab seltsame, verschrobene Weiber, die manch dubioses Wissen besaßen, doch keine von ihnen kochte Kinder.
Vielleicht war sie nicht das beliebteste Mädchen im Dorf, obschon sie keine Aussätzige war, allerdings reichte dieses sicherlich kaum aus, um von der Gemeinschaft zum Tode verurteilt zu werden.
Diese ganzen Geschichten hatten ihren Verstand verwirrt und das schwere Fieber ihn vernebelt.
Erschöpft schloss sie die Augen, das Herz vor Aufregung am Rasen, die Seele sich unruhig durch Zweifel und Angst windend. All das hätte sie wach halten müssen, die Erschöpfung war indes zu groß, zu stark und so trug Morpheus sie davon.

Einige Tage dauerte es noch bis Eve vollständig genesen war. Sie war nicht mehr die Eve vor dem Fieber, etwas hatte sich in ihr verändert und doch war sie sie selbst. Es war merkwürdig und kaum zu erklären. Die Angst hatte sich tief in ihre Seele gebrannt. Es war nicht die abstrakte Angst vor der Hexe, es war eine auf Misstrauen basierende, reale Furcht vor den Menschen. Sie wusste, was sie gehört hatte. Ob es eine übernatürliche Bedrohung gab oder nicht, das Dorf war bereit sie zu opfern.
Wenn es keine Hexe gab, die sie holen würde, was würde dann geschehen?
Würde man sie zur Vorsicht auf dem Scheiterhaufen verbrennen? Oder würde man sie auf einem Altar dem Übernatürlichen darbieten, gefesselt und mit einem Messer im Herzen?
Eve wusste, dass sie eine Entscheidung fällen musste.
Sollte sie versuchen wegzulaufen oder sollte sie noch ein bisschen warten?
Wieder schien das Porridge eine reale Darstellung ihrer inneren Lage zu sein. Zäh und grau, so waren ihre Gedanken. Als wäre nie etwas gewesen, als hätte es die letzten Tage nicht gegeben, so saß sie wieder am Tisch, vor dem so leidlich bekannten Porridge.
„Wenn du gegessen hast, wirst du spazieren gehen! Dr. Glenn sagt, das wird dich stärken“, sagte Eves Mutter in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.
Eve nickte, nicht nur weil der Brei ihr die Kehle zuschnürte, sondern weil ihre Gedanken sich so schnell überschlugen, dass sie keine Worte fand.
Das war die Gelegenheit, sie konnte zu einem Genesungsgang aufbrechen und würde nicht mehr zurückkehren. Sie würde einfach weitergehen, das Dorf hinter sich lassen und mit ihm alle Ängste. Aber das waren wahnwitzige Gedanken und sehr dumme noch dazu. Sie fühlte sich gesund, doch ohne Essen und Trinken, ohne ein warmes Bett in den kalten Nächten, würde sie mit Sicherheit wieder krank werden. Und wo wollte sie überhaupt hin?
Nach London zu ihrem Vater?
Der würde sie sicher sofort zurückschicken. Abgesehen davon wusste sie nicht einmal, in welcher Richtung London lag.
Wie sollte sie dort hinkommen?
Gwen war bereits in Bath, weder konnte Eve zu ihr, noch sie um Hilfe bitten.
Ein Spaziergang war vielleicht genau das, was sie brauchte, weniger aus gesundheitlichen Gründen, als viel mehr aus klärenden. Der Wind und die Kälte würden ihre aufgewühlten Gefühle abkühlen, ihre Gedanken zur Ruhe zwingen.


Die Luft war kälter als sie erwartet hatte, das tat gut. Die Gefühle wurden vom eisigen Wind betäubt, sie wurden zu einem stechenden Kribbeln in ihrem Kopf, ihrem Körper, sie fühlten sich an wie ihre Hände.
Langsam rieb Eve ihre Hände aneinander, es wärmte sie nicht, allerdings ließ das Kribbeln etwas nach.
Sie hatte sich schon ein ganzes Stück vom Haus entfernt, nährte sich dem Waldstrich, der das Ende des Dorfs markierte. Seit die Geschichten der Hexe durch die matschigen Straßen geisterten, hatte sie diesen Teil des Dorfs gemieden.
Der Wald war ein merkwürdiger Ort, schauerlich, besonders im Herbst, wenn die Bäume ihr Blätterkleid verloren und die Gebüsche ihre dünnen, kahlen Äste in das Zwielicht streckten, als seien sie knochige Finger von längst vergessenen Besuchern. Der Gedanke, die Straße, die durch das Dorf führte, entlang zu laufen, bereitete ihr solch eine Angst, dass ihr fast übel wurde. Jeder Mensch, der ihr begegnen konnte, war für Eve schauriger als der Wald mit seinen verborgenen Schatten.
Bilder erhoben sich, wie sie einige der ehrbaren Dorfbewohner traf, mit ihnen reden musste. Freundlich wären sie, würde sich nach ihrem Gesundheitszustand erkundigen und ihr eine baldige Genesung wünschen. Sobald sie sich dann auch nur drei Schritte von ihnen entfernt hätte, würden sich die Zungen spalten und böswillig hinter ihr her zischen. Das ertrug sie im Moment nicht. Von ihren Angstvorstellungen vollkommen eingenommen bemerkte Eve nicht, dass sie die erste Baumreihe schon hinter sich gelassen hatte. Erschrocken blieb sie stehen, hob den Blick vom Boden und sah sich irritiert um.
Obgleich die Baumkronen kaum noch Blätter trugen, lag der Waldboden in einem grauen Zwielicht. Knorrige Äste hoben sich dunkler von dem trüben Grau ab. Das war kein anheimelnder Ort. Eve wandte sich der Richtung zu, aus der sie gekommen war, und machte einen entschlossenen Schritt auf die Bäume zu, da hörte sie etwas.
Stimmen!
Instinktiv hielt sie den Atem an, blieb still stehen und suchte mit den Augen nach der Quelle. Die Stimmen wurden deutlicher, knirschende Schritte gesellten sich hinzu. Eve beugte sich ein wenig vor. Zwei Personen kamen auf sie zu.
Ohne darüber nachzudenken, drehte sich Eve um und wich zurück, tiefer in den Wald hinein. Wenn ihr kurzer Blick sie nicht getäuscht hatte, dann war eine der Personen Dr. Glenn gewesen, die andere war eine Frau, doch hatte sie nicht erkannt welche. Wollten sie zu ihr? Oder befolgte der Doktor seine eigenen Ratschläge und stärkte sich durch einen Spaziergang in der Kälte?
Wie auch immer, sie wollte niemanden begegnen und schon gar nicht reden. Würden sie ihrer Mutter einen Besuch abstatten, müsste sie noch früh genug Worte mit ihnen wechseln.
Die Stimmen wurden allmählich leiser, die Schritte waren so gut wie gar nicht mehr zu vernehmen. Eve wartete noch einen Moment, dann wollte sie zurück zum Waldrand.
Das war merkwürdig, sie hätte schwören können, dass sie sich nicht sehr weit vom Weg entfernt hatte, nur konnte sie ihn nicht sehen. Die Bäume standen dicht bei dicht, als sei sie mitten im Wald. Ihr Herz schlug ein wenig schneller, obschon sie sich dazu zwang ruhig zu bleiben. Sie hob ihren Rock eine Handbreit an, um besser über die Äste und das Laub steigen zu können und ging wieder in die Richtung, aus der sie gekommen war.
Sie ließ Baum um Baum hinter sich, doch der Wald lichtete sich nicht und auch der Weg war noch immer nicht zu sehen.
Das konnte nicht sein!
Lief sie etwa in die falsche Richtung? Aber nein, sie war nur geradeaus gegangen.
Unwillkürlich beschleunigte sie ihre Schritte, nur noch beseelt von dem Wunsch diesen Wald zu verlassen.
Das Grau des Zwielichts wurde dunkler, die Äste waren nunmehr schwarze, schattenhafte Arme und Finger. Endlos schienen die Reihen an Bäumen.
Ihre Schritte wurden noch schneller, wäre es ihr möglich gewesen, Eve wäre gerannt. Baumwurzeln, Laub und heruntergefallene Äste erlaubten es ihr nicht, noch schneller voranzuschreiten. Selbst wenn es ihr möglich gewesen wäre zu rennen, was hätte es ihr gebracht?
Kein Weg, kein Ende des Waldes.
Die Kälte brannte in ihrer Lunge bei jedem Atemzug, den sie machte. Ihr Körper war so erhitzt, dass ihr Atem sich in schneeweiße Wolken verwandelte, kaum hatte er ihre Lippen verlassen.
Die Kälte, die schneidend in ihre Lunge eindrang, und ein scharfes Stechen unter ihren Rippen zwangen sie zum Stehenbleiben. Erschöpft und keuchend blickte sie sich um. Die Bäume wiegten ihre Äste in einem nicht vorhandenen Wind. Ein Flüstern raschelte durch die Luft. Eve versuchte sich darauf zu konzentrieren, ohne Erfolg, zu laut rauschte das Blut in ihren Ohren, zu laut schlug ihr Herz.
Die Bäume schienen zu lachen, ein amüsiertes Kichern ging von ihnen aus. Ansonsten war jedoch nichts zu vernehmen. Kein Geraschel von kleinen Tieren, kein Krächzen, kein Zwitschern von überwinternden Vögeln.
Das konnte nicht sein, das alles konnte und durfte nicht sein. Eve schloss die Augen, zwang sich zu einem klaren Gedanken. Das war alles nur Aberglaube. Bäume konnten nicht lachen und Hexen existierten nicht.
Tief und Schmerz verursachend atmete sie ein, dann öffnete sie die Augen und erbleichte vor Angst.
Sie konnte nicht fassen, was sie sah, nicht glauben, was ihre Augen ihr zeigten, nicht verstehen, was ihr Herz ihr sagte.
Die Augen weit aufgerissen, der Körper versteinert, die Gedanken wirbelten ohne Sinn durch ihren Kopf, so stand sie da, nicht imstande zu schreien oder wegzulaufen.
Das Kichern wurde lauter und mit ihm ein schrilles Lachen. Bald schon hatte sich das Lachen erhoben und alle anderen Geräusche hinter sich gelassen.
Es schmerzte in Eves Ohren, sogar in ihrer Brust. Der Atem blieb ihr weg. Um sie herum wurde es dunkler und dunkler, die Schatten wurden größer, breiteten sich aus. Die Schwärze kam näher, umringte sie, umschloss sie, raubte ihr die Luft und die Sicht.
Eve riss die Arme über ihren Kopf, sank auf die Knie und schrie so laut, wie es ihre Lungen erlaubten.
Und dann wurde es still. Still im Wald, still um Eve.
Die Stille breitete sich aus, zog über das Dorf, durch die Zeit und schon bald war Eve nicht vergessen, doch Schweigen begleitet jeden noch so kleinen Gedanken an sie.


Kommentare:

  1. Mädchen verschwand in Hitchwick

    Ein junges Mädchen mit Namen Bessie Fosters, 16 Jahre alt, verschwand am Weihnachtsabend, als sie auf dem Nachhauseweg war. Bessie, die Tochter eines Schafzüchters und seiner Frau, brachte am Weihnachtsabend Mrs. Smith, einer entfernten Nachbarin, die nur wenige Tage zuvor ihren Mann verloren hatte, einen Auflauf. Mrs Smith berichtete, dass Bessie nach ihrem Eintreffen noch einige Zeit geblieben war, um sich nach dem Befinden der Witwe zu erkundigen. Als sie sich auf den Weg nach Hause machte, war bereits die Nacht angebrochen, ohne weitere Bedenken trat sie jedoch ihren Heimweg allein an. Da sie seit ihrer Geburt in Hitchwick lebte und es sich bei dem Ort nicht um eine Großstadt handelt, ist es unwahrscheinlich, dass sie sich verlaufen hat. Tatsache bleibt jedoch, dass sie von Mrs. Smith wegging und nie Zuhause ankam. Noch ist ungeklärt, was dem Mädchen passiert sein könnte.

    08.01.1902 Stebbing News

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  2. Wieder ein Mädchen entführt!

    Ein beunruhigender neuer Seriensport scheint sich über ganz England ausgebreitet zu haben; das Entführen von jungen Mädchen.
    Erst vor einem halben Jahr wurde eine junge Studentin in Exham entführt, kurze Zeit später verschwand ein 18 jähriges Au-pair in Wisterley und nun eine 16 Jährige in Hitchwick.
    Sind junge Frauen auf den Straßen und in den Häusern Englands nicht mehr sicher? Diese Frage und weitere drängen sich geradezu auf. Steckt ein Täter, womöglich ein Serientäter hinter diesen abscheulichen Vorkommnissen?
    Handelt es sich um eine kriminelle Vereinigung, die die armen Mädchen entführt? Und was geschieht mit ihnen?
    Da die Polizei bis jetzt im Dunkeln tappt und auch nicht bereit ist, weiter Auskünfte zu geben, bleiben all diese Fragen vorerst unbeantwortet. Es bleibt nur zu hoffen, und den jungen Frauen nahezulegen, dass sie vorsichtig sein sollen.

    1973 Direct Post

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  3. Entführung einer 17 Jährigen aus dem eigenen Elternhaus

    Am 25. Oktober geschah das Unfassbare in Hitchwick. Familie S. verließ zur Sonntagsmesse das Haus, Vater, Mutter und die 15 jährige Tochter, nur Jasmine S. blieb allein zurück, da sie sich von einer Grippe erholte. Als die Familie zurückkam, war das Haus verlassen. Mrs. S. erklärte, sie habe gleich ein merkwürdiges Gefühl gehabt, da es nicht die Art ihrer Tochter sei, einfach das Haus zu verlassen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen.
    Als Jasmine S. auch zum Abendessen nicht erschienen war, suchte die Familie die Gegend auf eigene Faust ab. Nachdem diese Suche jedoch erfolglos geblieben war, schaltete sie die Polizei ein. Diese ging zuerst davon aus, dass das junge Mädchen weggelaufen sei, vor allem da es keine Spuren eines Einbruchs oder Kampfes gab. Allerdings mangelte es an triftigen Gründen für das Weglaufen des jungen Mädchens.
    Die noch andauernden Ermittlungen weisen noch keine größeren Erfolge auf. Die einzige Spur besteht in einem Fall von 1973. Damals verschwand ebenfalls ein junges Mädchen in Hitchwick. Leider erweist sich diese Spur bis jetzt als Sackgasse. Damals wie heute gab es keine Anhaltspunkte, die Aufschluss über die Tat oder den Verbleib der Mädchen liefern könnten.

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  4. In der Gegend sollen sich auch Werwölfe rumtreiben.

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  5. http://pinterest.com/pin/547539267166858442/

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